Bergzeiten - Ein Erfahrungsbericht

Soeben bin ich voller Eindrücke aus den Bergen zurück und möchte Sie mit diesem Bergtagebuch an meinen Erfahrungen und Erkenntnissen teilhaben lassen.



1. Tag

Gleich bei der Ankunft geht mein Atem tief und ruhig. Weite, klare Luft und würzige Gerüche entfalten ihre wohl-tuende Wirkung. Heute ist Almabtrieb. Ich bin berührt vom Zusammenspiel von Mensch und Tier, Jung und Alt, von Männern und Frauen – ein bedeutsames Ritual von Schlichtheit und Schönheit, von Würdigung und Dankbarkeit. Wie steht es mit meinem eigenen Zusammenwirken mit Anderen, mit meiner eigenen Dankbarkeit? In welche Rituale bin ich eingebunden? Schöne, erfüllende und nachdenkliche Stunden.


2. Tag

Herrliches Wetter mit ausgedehntem Hochdruckgebiet. Ich breche früh auf, weite Sicht und klare Luft. Heute geht's rund 1100 Höhenmeter auf meinen Hausberg (2878 m) – soweit der Plan. Ich habe gelernt, dass die Eingewöhnung an die Höhe Zeit braucht – also, das richtige Tempo finden – Schritt für Schritt, mit der Bereitschaft umzukehren und auf den nächsten Tag zu vertrauen − eine wunderbare Übung den eigenen Ehrgeiz in das Genießen der wunderbaren Gegend zu transformieren. Komme heute gut in einen angenehmen Rhythmus, erfreue mich am Gleichmaß meiner Schritte und komme glücklich oben an – Fernsicht und Freude an meiner wachsenden Freiheit mich jederzeit neu zu entscheiden.


3. Tag

Dicke Blasen von den neuen Schuhen – was nun – war’s das? Fahrt ins Dorf, Wundpuder und Blasenpflaster kaufen. Habe eine sehr nette Unterhaltung mit einem Einheimischen, trinke Kaffee, helfe bei meinen Gastgebern beim Heu einfahren, koche mir etwas und lese – alles in allem ein guter Tag. Erkenntnis: Fixierungen auflösen erhöht die Lebensqualität.


Bergzeiten

4. Tag

Ich möchte schon seit langem auf einem Gipfel übernachten. Heute herrschen hervorragende Wetterbedingungen und Daunenschlafsack und Schutzplane habe ich vorsorglich dabei. Soll ich es heute wagen? Mir ist mulmig zumute! ich überlege hin und her. Schliesslich gehe ich die Sache rational an: Wetter gut, Gebiet bekannt, Kondition gut, Proviant und Kleidung o.k., keine wilden Tiere, keiner dort oben, der Böses im Schilde führt. Also bleibe nur ich: kann ich die Einsamkeit ertragen, auch in dunkler Nacht? JA. Ich mache mich auf den langen Weg von insgesamt 20 km auf zwei Gipfel in die Dreitausender Region.


Alles läuft wunderbar, ich drehe mich immer mal um, schaue ob jemand hinter mir ist − wundere mich darüber und merke schließlich, dass ich mein eigenes Tempo als zu langsam bewerte. Keiner soll mich so daher schleichen sehen. Tatsächlich, ich schäme mich. Bin wirklich erstaunt. "Sei nicht eigen!" Ein altes Kindheitsthema zeigt sich unerwartet hier am Berg. Allein, diese Erkenntnis ist absolut befreiend – nach einer kleinen Pause des Verarbeitens geht’s unbeschwert und langsam im Eigentempo hinauf – kein Blick zurück, höchstens rundum die Landschaft und die Ankunft auf zwei Gipfeln genießend.


Nacht auf dem Gipfel: absolute Stille, Farbenspiel des Sonnenuntergangs, kuscheligwarmer Schlafsack, die Sterne zum Greifen nah, der Boden hart. Ich liege dort und BIN, fühle mich als zugehörig zu ALLEM. Schlafe, wache, staune, schlafe – Frieden.



5. Tag

Sonnenaufgang − Licht, wie ich es noch nie gesehen habe, etwas essen, trinken, staunen und Tränen des Berührt-Seins, Dankbarkeit. Sehr langsamer Abstieg, immer wieder innehalten, in mir Stille. Spiegeleier und einen Kaffee auf der Hütte, dann langsam weiter hinab – wie sehr sich doch dieses wunderbare Erleben von meinen bangen Gefühlen im Vorfeld unterscheidet. Heilsam. In meinem Quartier dann duschen, ein kleines Nickerchen etwas kochen – zufrieden.



6. Tag

Die Wetterlage wird instabil. Ich ent-scheide mich für eine kurze Höhen-wanderung, etwas fotografieren und reflektieren – morgen geht’s wieder nach Hause. Habe mich an die Höhe gewöhnt und gehe leichten Schrittes. Bin so froh, dass ich mein Tempo gehen kann – keine inneren oder äußeren Antreiber (mehr) – von Augenblick zu Augenblick ent-scheiden – Umkehren heißt auch, dass ich schon einen Teil des Weges gegangen bin. Das berührende Empfinden von Zugehörigkeit (Almabtrieb, Nacht auf dem Gipfel), das so pure Erleben des Allein-Eins-Sein auf dem Gipfel – eine sehr angenehme, leichte und auch berührende Bergzeit.


Vielleicht wäre so eine Auszeit ja auch einmal etwas für Sie?


Ihr Martin Hensel